03.08.2015

„Auf den Spuren der Alten Griechen“

- Rückblick auf eine Studienfahrt der Griechischschüler und -studenten des Woeste-Gymnasiums -

29 Griechischschüler und -studenten brachen über das Pfingstwochenende für insgesamt 10 Tage unter der Leitung ihrer Griechischlehrer Andreas Hagenhoff und Jörg Trelenberg zu einer Rundreise durch das antike Griechenland auf. Unter anderem besichtigten sie das Orakel von Delphi und die Geburtsstätte der Olympischen Spiele.

Tag 1 bis 3: Nach einer abenteuerlichen Busfahrt über die Alpen bis ins italienische Ancona und nach einer anschließenden, sonnigen Schifffahrt über die Adria kamen wir endlich nach 42 Stunden in Delphi an. Das antike Dorf liegt in einer einzigartigen Landschaft im Parnass-Gebirge mit atemberaubenden Ausblick auf den Korinthischen Golf. Nach einem landestypischen Abendessen in einer griechischen Taverne freuten sich alle Teilnehmer darauf, endlich wieder in einem richtigen Bett zu schlafen.

Tag 4: Am nächsten Morgen war ein Besuch der berühmten Orakelstätte angesagt. Nach dem griechischen Mythos soll der Göttervater Zeus zwei Adler von je einem Ende der Welt ausgeschickt haben. Diese trafen sich in Delphi. Somit wurde Delphi zum „Nabel der Welt“ erklärt. An diesem mystischen Ort besichtigten wir die eindrucksvollen Ruinen des Apollontempels, das ehemalige Theater und das Stadion sowie die verschiedenden Schatzhäuser, die einst mit wertvollen Dank- und Weihegeschenken für die Gottheit gefüllt waren. Delphi war in der Antike die bekannteste und meistbesuchte Orakelstätte. Von allen Enden des Landes kamen Könige und Herrscher, um göttliche Weissagung für die Zukunft zu erbitten. Als Medium agierte eine Priesterin, die Pythia genannt wurde. Sie war die einzige Frau, die den Tempel betreten durfte. Neueren Theorien zufolge versetzte sie sich mit Erdgasen in Trance, ihre gestammelten Worte wurden von Priestern gedeutet und den Fragestellern überbracht.
Nach einem Besuch der archäologischen Ausgrabung stand das angrenzende Delphi-Museum auf dem Programm. Hier konnten wertvolle und bekannte Exponate wie die Sphinx der Naxier, die archaische Doppelstatue des Kleobis und Biton, der Omphalos-Stein oder der bronzene Wagenlenker von Delphi bestaunt werden. Am Nachmittag setzten wir unsere Rundreise fort: Sie führte uns in die Hauptstadt des Landes, nach Athen! Eine ausgedehnte Abend- und Nachtwanderung machte nachdenklich, denn sie zeigte uns den Kontrast zwischen sehr ärmlichen, trostlos verfallenen Stadtvierteln und den romantisch illuminierten Touristenplätzen rund um die Athener Altstadt.

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Reisegruppe in Delphi im Heiligtum der Athena Pronaia

Delphisches Theater und Apollon-Tempel
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Der bronzene Wagenlenker von Delphi

Nachtwanderung durch Athen

Tag 5: Der Tag begann mit einer Stadtrundfahrt durch Athen. Wir sahen die Akademie der Wissenschaften, die Nationale und Kapodistrias-Universität Athen und die Nationalbibliothek. Diese drei Bauten oder auch die „Athener Trilogie“, wie sie genannt werden, wurden im 19. Jahrhundert im Stile des Klassizismus errichtet. Wir sahen das griechische Parlament und den Syntagma-Platz, auf dem in diesen Tagen so häufig die Demonstrationen gegen die Sparpolitik der EU stattfinden. Das marmorne Panathinaiko-Stadion, Stätte der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit, faszinierte ebenso wie der allgegenwärtige Blick auf die berühmte Akropolis.
Nach dieser Rundfahrt stiegen wir zu eben jener Akropolis hinauf. Zu beachten ist, dass „Akropolis“ der Name des Hügels ist und nicht etwa des darauf befindlichen Tempels. Der Parthenon, so heißt der Haupttempel, wurde zu Ehren der Schutzgöttin Athena Parthenos erbaut. Er gilt in seiner ausgeklügelten, auf vollendete Harmonie zielenden Architektur als das einflussreichste Baudenkmal des antiken Griechenlands. Viele Jahrhunderte hat er – unter anderem als Kirche und Moschee – weitgehend unbeschadet überstanden. Erst im Jahre 1687 wurde er durch den Angriff der Venezianer auf die Akropolis stark beschädigt. Die Venezianer beschossen die Bauten, ohne sich darüber im Klaren zu sein, welche einmaligen historischen Monumente sie vor sich hatten. Die Explosion eines im Parthenon befindlichen Pulvermagazins ließ kaum einen Stein auf dem anderen. Auch nach 30 Jahren der Restaurierung und trotz modernster Computer-Technik ist das zerstreute Stein-Puzzle des Parthenon noch immer nicht völlig wiederhergestellt. Zum Vergleich: Die alten Griechen brauchten für den Bau nur neun Jahre!
Wir verabschiedeten uns von diesem imposanten Bauwerk und machten uns auf den Weg zur Agora, dem antiken Marktplatz Athens. Dort besichtigten wir den Hephaistos-Tempel und die Rekonstruktion der Stoa des Attalos. Die Räume der Stoa werden heute als Museum genutzt. So findet man dort eine große Sammlung von Fundstücken mit sakraler Funktion, aber auch sehr profane Gegenstände, die uns das Alltagsleben der alten Griechen vor Augen führen konnten. Am Nachmittag fuhren wir dann weiter in die Küstenstadt Loutraki, wo wir den heißen und durchaus anstrengenden Tag gemütlich am Strand ausklingen ließen.

Tag 6: Am frühen Morgen des nächsten Tages machten wir uns auf den Weg zum Kanal von Korinth. Der Blick in den Kanal war geradezu schwindelerregend: Über 80 Meter tief grub man sich durch das Felsgestein, um den Korinthischen und den Saronischen Golf zu verbinden. Der Kanal ist etwa 6,3 km lang und hat ein 24 m breites und 8 m tiefes Fahrwasser. Der Bau begann 1881 und dauerte insgesamt 12 Jahre. Schon in der Antike existierten nachweislich Ideen zu einer solchen Wasserstraße, um die Schiffe und ihre Ladung nicht mehr kilometerlang und mit großem Aufwand über die Landenge ziehen zu müssen.
Danach führte uns die Fahrt nach Altkorinth. Die Stadt war in der Antike eine der wichtigsten Hafen- und Handelsstädte. Bekannt ist sie unter anderem dadurch, dass der Apostel Paulus sich auf seinen Missionsreisen hier längere Zeit aufhielt. Wir besuchten die dortige Agora (mit den Ruinen der Gerichtsbühne, auf der der Apostel angeklagt wurde), die Lechaion-Straße und die Peirene-Quelle. Letztere wurde nach der gleichnamige Nymphe benannt, die beim Tod ihres geliebten Sohnes so sehr geweint haben soll, dass an dieser Stelle eine Quelle entstanden sei. Außerdem besichtigten wir den dorischen Apollontempel und das angrenzende archäologische Museum.
Am frühen Nachmittag fuhren wir nach Epidauros und suchten dort die antike Kultstätte des Heilsgottes Asklepios auf. Zu diesem antiken Kurort pilgerten einst die Kranken, die sich von Heilschlaf, Traumvisionen und priesterlicher Deutung eine Genesung oder wenigstens Linderung ihrer Leiden versprachen. Auch unsere Reisegruppe legte sich geschlossen in den Ruinen des ehemaligen Schlafsaales, des Abaton, nieder und wartete gespannt auf Heilung von Blasen und Mückenstichen.
In Epidauros befindet sich auch das besterhaltene Theater Griechenlands. Es verfügt noch heute, wie wir selbst testen konnten, über eine außergewöhnliche Akustik. Sogar auf der letzten und höchsten Bank hörte man den Aufprall einer Münze unten auf der Bühne. Sehr beeindruckend war der Vortrag eines unserer Abiturienten, der aus dem Gedächtnis etwa 30 Verse aus der homerischen Odyssee metrisch rezitierte. Nach diesem erlebnisreichen Tag fuhren wir in den Ferienort Tolon und genossen bei Abendsonne das warme Wasser des Mittelmeers.

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Der imposante Kanal von Korinth

Das griechische Theater in Epidauros


Tag 7: Die schönste Stadt Griechenlands – so wird Nauplia in vielen Reiseführern betitelt – war unser nächstes Ziel. Wir konnten uns selbst ein Bild davon machen, als wir uns zu Fuß in Kleingruppen die Stadt mit ihrem Hafen, den idyllischen kleinen Gassen und den zahlreichen byzantinischen Kirchen ein wenig genauer ansehen konnten. Einige von uns erklommen sogar die hoch über der Stadt thronende venezianische Festung.
Danach fuhren wir durch die karge Landschaft der Argolis nach Mykene. Die mykenische Kultur, die in ihren Anfängen bis in die erste Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. zurückreicht, gilt heute als die erste Hochkultur des europäischen Festlandes. Ihre Einwohner sprachen, wie die ca. 1950 gelungene Entzifferung der Linear-B-Schrift zeigte, bereits eine frühe Form des Griechischen. Obwohl Mykene heute längst verlassen und zum größten Teil zerstört wurde, konnten wir noch immer die Macht dieser einstigen Metropole spüren. Beeindruckend war vor allem das so genannte Löwentor, welches den Haupteingang zur mykenischen Burganlage bildete. Seinen Namen hat es zwei mächtigen Löwen zu verdanken, die auf einem Relief über dem Toreingang dargestellt sind. Vermutlich wurde das Tor um 1250 v. Chr. erbaut. Die riesigen Steinblöcke wurden – in so genannter Kyklopen-Bauweise – ohne Mörtel zusammengefügt und bilden eine Öffnung von jeweils drei Metern in der Höhe und Breite.
Die „Königsgräber“ in Mykene sahen wir, da die Zeit knapp war, leider nur im Vorbeifahren. Dort fand man sehr reiche Grabbeigaben wie goldene Masken und Schmuck. In einem dieser Gräber fanden Archäologen auch die „Totenmaske des Agamemnon“, welche man heute im Athener Nationalmuseum bestaunen kann. In der griechischen Mythologie ist Agamemnon König von Mykene und führt mit seinem Bruder Menelaos den Trojanischen Krieg an, um die Frau seines Bruders aus Troja zurückzuholen. In Wirklichkeit jedoch dürfte die berühmte Totenmaske mit dem legendären Helden von Troja kaum etwas zu tun gehabt haben. Archäologen datieren sie in eine etwa 300 Jahre früher liegende Ära. Nach diesem ausgiebigen Besuch Mykenes bestiegen wir wieder unseren Bus und fuhren über eine landschaftlich sehr schön gelegene Route weiter nach Olympia.

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Nauplia - die schönste!? Stadt Griechenlands

Griechenland-Fans hoch über Nauplia
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Das Löwentor von Mykene
Reisegruppe vor der Zyklopen-Mauer in Mykene



Tag 8: Die ersten offiziellen Olympischen Spiele fanden im Jahre 776 v. Chr. zu Ehren des Göttervaters Zeus statt. Das erste Bauwerk an diesem heiligen Ort war jedoch der hölzerne Hera-Tempel aus archaischer Zeit, der erst nach und nach in ein Gebäude aus Stein verwandelt wurde. Wie wir aus der antiken Literatur wissen, befanden sich im Heratempel zwei Kultbilder, ein Bild des stehenden Zeus und ein Bild der sitzenden Hera. Leider ist keines der Bilder mehr erhalten. Und dennoch konnten wir uns vorstellen, wie imposant und mächtig der Heratempel einst ausgesehen haben muss. Auch in der heutigen Zeit hat der mystische Ort noch seine Bedeutung: Alle vier Jahre wird hier in einem medialen Spektakel das olympische Feuer entzündet.
Wer bereits den Heratempel beeindruckend fand, der hatte die riesigen Ruinen des Zeustempels noch nicht gesehen: Um seine Grundfläche herum liegen gigantische Säulenfragmente, vermutlich noch genau so, wie sie das Erdbeben im 6. Jahrhundert n. Chr. hinterlassen hatte. Lediglich eine einzige Säule (von ursprünglich 78 Säulen) wurde zu Demonstrationszwecken vor wenigen Jahren wiederaufgebaut. In der Antike befand sich in diesem Tempel die kolossale Zeusstatue des Architekten und Bildhauers Pheidias. Diese Statue, auch dies wissen wir aus antiken Beschreibungen, war ungefähr 12 – 13 Meter hoch und vollständig mit Elfenbein und Gold ummantelt. Die heute verlorene Statue gehörte damals zu den sieben Weltwundern der Antike.
Nachdem wir uns den Zeustempel ausführlich angeschaut hatten, gingen wir weiter in das Stadion. Im antiken Olympia-Stadion hatten 45 000 Menschen Platz. Frauen war der Eintritt jedoch nicht erlaubt. Die genauen Ursachen sind ungeklärt. Ob es wirklich nur daran lag, dass die ausschließlich männlichen Athleten nackt gegeneinander kämpften, muss offen bleiben. In diesem Stadion wurde der legendäre Stadionlauf über 192 Meter abgehalten (den unsere Jungen sogleich imitierten und ihren individuellen „Olympiasieger“ kürten). Aber auch andere Wettkampfarten fanden statt, zum Beispiel Läufe über längere Distanzen, der Diskus- und Speerwurf, der Weitsprung (mit Gewichten an den Händen) und nicht zuletzt das so genannte Pankration, der überaus brutale Allkampf, bei dem lediglich zwei Dinge verboten waren: das Beißen und das Eindrücken der Augen.
Zuletzt besuchten wir das Museum von Olympia. Dort konnten wir die Giebelfelder des Zeustempels bestaunen. Die Statuen des Ostgiebels stellen eine lokale Sage – die Wettfahrt zwischen Oinomaos und Pelops – dar. Zeus erscheint in der Mitte. Die Statuen des Westgiebels zeigen den Kampf der Lapithen gegen die Kentauren während der Hochzeit des Peirithoos. Außerdem sahen wir die Nike des Paionios und den Hermes des Praxiteles. Die berühmte, überlebensgroße Statue des Hermes zeigt den Götterboten mit dem Knaben Dionysos auf dem Arm. Ursprünglich stand dieses Abbild des Gottes im Heratempel und wurde dort 1877 fast unversehrt gefunden. Nur die Unterschenkel mussten ergänzt werden.

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Olympischer Stadionlauf an antikem Originalschauplatz

      Der Hermes des Praxiteles (Olympia-Museum)      


Tag 9 - 10: Wir verließen Olympia, um in die Hafenstadt Patras zu fahren, wo unsere Fähre für den Rückweg wartete. Hier wurde uns dramatisch das Elend vieler afrikanischer Flüchtlinge bewusst, die versuchten, versteckt unter Lastwagen oder auf andere höchst gefährliche Weise auf ein Schiff nach Mitteleuropa zu gelangen. Entsprechend sorgfältig, wie auf einem Flughafen, wurden auch wir und unser Reisegepäck kontrolliert.
Vor uns lag eine weitere sonnige Fahrt über die Adria. Die Nacht konnten wir bei ruhiger See und schönstem Sternenhimmel in unseren Schlafsäcken auf Deck verbringen. Am Ende unserer Reise angelangt, waren sich alle einig: Griechenland ist toll und jederzeit eine Reise wert!

Text: Korinna Markert / der Griechischkurs der Stufe Q1


Letzte Änderung: 03.08.2015