23.10.2026

Auszeichnungen im Landeswettbewerbs NRW
"Philosophische Essays"

für Johanna Ebauer (r) und Lisanne Jörgens (l)





Essay 1
"Zeitverschwendung"
(Johanna Ebauer)


Wenn du das hier liest, wirst du deine Zeit verschwenden. Freizeit - Zeitverschwendung, Schule - Zeitverschwendung, Arbeit - Zeitverschwendung, das Leben - auch nur eine pure Zeitverschwendung. Auf die Frage „Was ist für dich Zeitverschwendung?“ antwortet jeder sehr unterschiedlich. Somit habe ich mal mein Umfeld befragt, wann ich aus ihrer Sicht meine Zeit verschwende. Meine Eltern
denken, ich verschwende meine Zeit, wenn ich am Wochenende lange schlafe. Mein Bruder denkt, ich verschwende meine Zeit, wenn ich Serien schaue. Meine Schwester denkt, ich verschwende meine Zeit, wenn ich Freunde treffe. Aber ich denke, ich verschwende meine Zeit, wenn ich im Mathematikunterricht dazu verpflichtet bin, ein für mich nicht lebensrelevantes Thema zu erlernen, welches ich für meinen zukünfitigen Beruf nicht gebrauchen werde, und auch im Leben wird mir eine Exponentialfunktion nicht erklären können, wie ich einen Schrank aufbauen soll. Und ich denke meine Eltern verschwenden ihre Zeit, wenn sie sich über hohe Spritpreise beschweren. Und ich denke, mein Bruder verschwendet seine Zeit, wenn er Fortnite zockt. Und ich denke, meine Schwester verschwendet ihre Zeit, wenn sie stundenlang badet.

Das bestätigt, dass Zeitverschwendung subjektiv individuell definiert wird. Jedoch stellt sich somit die Frage, was der Ursprung beziehungsweise die Ursache ist, warum man überhaupt von Zeitverschwendung ausgeht. Damit verbunden ist zu klären, ob es überhaupt möglich ist, eine allgemeine Definition für Zeitverschwendung zu bestimmen, und dies führt dazu, dass man zum Anfang zurückkehren und sich mit der Entstehung und der Existenz der Zeit auseinandersetzen muss.

Zeit existierte schon, bevor es den Menschen gab und sogar bevor der Planet Erde entstand, und wird in der Zukunft bestehen. Zeit ist ein Bestandteil unseres Universums und erweitert die uns bereits bekanntente dreidimensionale Welt zur vierdimensionalen Raumzeit, inder laut Albert Einsteins Relativitätstheorie Raum und Zeit als untrennbare Einheit zu verstehen sind. Zeit ist relativ und dynamisch, kann mit Prozessen und Veränderung verlaufen und ist außerdem vom Bezugsystem abhängig, weshalb es auch keine universelle Gleichzeitigkeit gibt. Selbst wenn ihr jetzt neben mir sitzen würdet und wir beide diesen Satz wahrnehmen, tun wir dies nicht in einem gemeinsamen „jetzt“,
weil wir beide ein eigenes Zeitmaß abhängig von Bewegung und Gravitation empfinden. Dementsprechend kann Zeit auch schwer gemessen werden. Die Menschen mussten Methoden erfinden, um die Zeit in Form von Geschwindigkeit und Verlauf in ein Maß einzufangen.

Eine der ältesten Methoden ist die Sonnenuhr. Anhand des täglichen Sonnenverlaufs nach den Himmelsrichtungen Osten, Süden und Westen oder der Veränderung des Schattens eines Stabes durch die Bewegung der Sonne konnte eine ungefähre Tageszeit abgelesen werden. Entwickelt hat sich dies bis zur heutigen Funkuhr mit einer genauen Zeitunterteilung in Stunden, Sekunden und sogar
Millisekunden. Auch längere Zeitabschnitte wie Jahre, Monate, Wochen und Tage werden mittlerweile exakt durch den Kalender eingeteilt. Selbst die Geschwindigkeit, in der wir uns bewegen, wird genau gemessen. Langsam bis hin zu schnell in Strecke pro Zeiteinheit. Durch Albert Einsteins These „Zeit ist das, was man an der Uhr abliest“, wird verdeutlicht, dass die Uhr ein von Menschen geschaffenes Mittel ist, die Zeit zu materialisieren, um diese für den Menschen greifbarer in den Alltag zu integrieren. Zeit ist zwar ewig, begrenzt aber die Ewigkeit.

Die Zeit an sich ist unendlich, aber bestimmt die Dauer der Existenz des Universums und begrenzt die Lebenszeit jedes Individuums, welches in unserem Universum lebt. Mit dem Bewusstsein über die Vergänglichkeit und dem eigenen Tod entwickelte sich schon in der Antike der
Leitgedanke „memento mori“ - „Gedenke, dass du sterben musst“. Dadurch ist zu erklären, warum die Zeit für uns Menschen so wertvoll und kostbar ist und warum es Menschen schon immer wichtig war, Zeit zu messen. Deine und meine Lebenszeit ist begrenzt und kann nur vergehen. Ist sie vergangen, kann man diese nicht mehr zurückholen. Umsomehr spielt es eine Rolle, wofür man diese begrenzte Zeit auf der
Erde nuzt. Durch die Erfindung der heutigen Uhr, einhergehend mit den Zeiteinheiten, ist die Zeit nicht mehr abstrakt oder unklar, sondern bewusst und klar erfassbar. Man kriegt ein Gefühl und Gespür für Zeit und Zeitangaben. Wochen, Tage, Stunden oder Sekunden werden vorstellbar und einschätzbar. Dadurch kann man unterteilen, wie viel Zeit man etwas oder jemandem schenkt, und es entsteht der Druck, seine eigene Lebenszeit dem Sinvollem zu widmen. Dabei liegt es im Auge des Betrachters, was man als sinnvoll ansieht, und es ist zurückzuführen auf den Gedanken des Lebensinns, verbunden mit anstrebenden Zielen und eigenen Werten und Normen.

Was ist dein Lebenssinn? Wenn dein Lebenssinn daraus besteht, ein selbstbestimmtes und finanziell unabhängiges Leben zu führen, in dem du glücklich bist, wenn du deiner Leidenschaft nachgehen kannst, produktiv zu sein, um das Ziel von erfolgsversprechenden Leistungen zu erreichen und sich dies mit deinen Wertevorstellungen von Fleiß, Diziplin und Ehrgeiz überschneidet, wirst du wahrscheinlich das Liegen auf der Couch als Zeitverschwendung ansehen. Auf das Wesentliche heruntergebrochen, entscheiden wir, was uns im Leben, hinsichtlich des Lebensinns, der Lebenziele, der Wertehaltungen und Normensysteme wichtig ist und demensprechend, womit wir sinnvoll unsere Zeit
verbringen. Daraus resultiert eine subjektive Wahrnehmung über das Sinvolle und Sinnlose im Leben und die Ursache für die Annahme, dass wir unsere Zeit verschwenden könnten. Sinnlos wäre demzufolge, was gegen den eigenen Lebenssinn, eigene Lebensziele oder das eigene Werte und Normensystem verstoßt. Im Extremfall könnte man sogar sagen, das Leben sei Zeitverschwendung, wenn man das Leben als
sinnlos, ohne Lebenssinn betrachtet. Wenn jemand etwas als Zeitverschwendung betitelt, bedeutet dies jedoch nicht, dass es dem auch wirklich objektiv entspricht, sondern es verrärt einfach nur etwas über die Persönlichkeit und die individuell gesetzten, als sinnvoll anerkannten Prioritäten im zeitlich begrenzten Leben.

Rückkehrend zu der anfänglich durchgeführten Umfrage kann man somit nachvollziehen, welche individuell wichtigen Prioritäten gesetzt wurden und warum diese unterschiedlichen Antworten zu Stande kamen. Meine Eltern verbringen gerne ihre Freizeit mit Gartenarbeit, schätzen Routine, und Produktivität ist ihnen wichtig. Für meinen Bruder sind sportliche Aktivitäten sinvoll verbrachte Zeit und für meine
Schwester ist Selbstfürsorge eine Priorität und auch ich verbringe meine Zeit sinnvoll, wenn es mich oder andere glücklich macht und wenn ich es als wichtig empfinde. Zeitverschwendung kann man somit allgemein als verlorene, sinnlos genutzte Zeit definieren, es wird jedoch subjektiv wahrgenommen und individuell gewertet, bei was es sich um Zeitverschwendung handelt. Einfluss auf diese Bewertung hat der persönliche Lebenssinn, die an sich gestellten Lebenziele, das eigene Werte- und Normensystem sowie Emotionen und Erfahrungen.

Letztendlich habe ich auch mit dem Schreiben des Essays meine kostbare Lebenszeit verschwendet ... es sei denn, ich gewinne den Preis.
Ich erkläre, dass ich die Arbeit eigenständig durchgeführt habe. Gleichzeitig bin ich damit einverstanden, dass mein Essay ganz oder in Teilen veröffentlicht werden kann.


Essay 2
“Kann die Phantasie etwas geben, was sie nie empfangen hat?“ – Friedrich Schiller
(Lisanne Jörgens)

Kann der Mensch wirklich etwas völlig Neues erschaffen – oder ist jede Idee nur ein Echo des bereits Gedachten? Diese Frage stellt nicht nur die Grenzen unserer Kreativität infrage, sondern auch unser Selbstverständnis als schöpferische Wesen.

Um ihr auf den Grund zu gehen, muss zunächst geklärt werden, worauf die Fähigkeit der Imagination überhaupt beruht: Was ist Fantasie? Auf der neurobiologischen Ebene lässt sich das Phänomen der menschlichen Vorstellungskraft folgendermaßen erklären: Das Gehirn ist in der Lage, bereits gelernte Informationen nochmals abzurufen und diese daraufhin neu zu kombinieren. Albert Einstein jedoch betont, wie aus einem berühmten Zitat hervorgeht, die unglaubliche Reichweite der menschlichen Imagination: „Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt […]“. Doch wenn Fantasie tatsächlich nur die Kombination aus bereits Gelerntem ist, was unterscheidet sie dann vom Wissen? Ist Fantasie also messbar? Ist die menschliche Vorstellungskraft nur eine Größe, die sich proportional zum Wissen der jeweiligen Person verhält? Vielleicht funktioniert Fantasie wie eine große Küche. Wer eine größere Vielfalt an Zutaten hat, kann auch mehr unterschiedliche Gerichte kochen. Aber wenn alle neuen Rezepte in dieser Welt nur Eintöpfe aus bereits bekannten Gerichten sind, was ist denn dann überhaupt noch neu?

Ob in Sprache, Musik, Kunst, Literatur oder Wissenschaft – alles ist miteinander verwandt und baut aufeinander auf. Autoren beispielsweise greifen auf Ideen vorheriger Schriftsteller zurück, fügen Dinge hinzu und erschaffen zwar somit nichts primär Neues, aber etwas Neuartiges.
Das Wort „neu“ beschreibt etwas, das in seiner Beschaffenheit erst vor kurzem entstanden ist und dessen Erschaffen immer wiederholbar ist. So kauft ein Künstler eine Leinwand und wenn er mit seiner Arbeit nicht zufrieden ist, kann er noch eine Leinwand kaufen, genau in der gleichen Art, und diese als „neu“ bezeichnen. Aber niemals kann er auf die erste Leinwand ein Motiv malen, das er „neu“ nennt, und auf die zweite Leinwand ein Motiv der gleichen Art malen und diese Idee ebenfalls mit „neu“ betiteln.

„Neu“ betont den Zeitfaktor und das Alter der Erschaffung und legt den Fokus auf die Tatsache, dass Wiederholungen der Errungenschaft möglich sind. Bei Gegenständen wie Leinwänden trifft dies zu, doch Ideen - wie zum Beispiel Motive - sind Wissen, das auf eine bestimmte Weise, die es vorher noch nicht gab, neu kombiniert und arrangiert wird, sodass es zwar nicht von der Substanz, aber von der Art her neu ist. Etwas „Neuartiges“ zeichnet sich daher vor allem durch die Originalität und Einzigartigkeit eines Konstrukts aus sowie durch dessen Unterschied zum bereits Bestehenden, obwohl es darin fußt. Fantasien sind nicht wiederholbar und unvergänglich, sie sind „neuartig“. Ein Gedanke, eine Idee, kann weder ein zweites Mal ins Leben gerufen noch zurückgenommen werden.

Diese Unsterblichkeit und Einzigartigkeit der Fantasie thematisiert Friedrich Schiller auch in seinem Gedicht „An die Freude“ (1803): „Alles wiederholt sich nur im Leben, / Ewig jung ist nur die Phantasie, / Was sich nie und nirgends hat begeben, / Das allein veraltet nie!“.
Fantasie ist laut Schiller etwas, das „sich nie und nirgends hat begeben“, also nicht real existiert. Alleinig in unserem Verstand finden sich diese unzähligen Denkansätze, Ideen und Szenarien. Doch diese theoretischen Gedankenspiele sind nicht nur für das Erfinden neuartiger Dinge wichtig, sondern sie sind ganz essenziell für unser tägliches Leben. Ungefähr acht Stunden am Tag arbeitet unsere Fantasie, aber nicht etwa, weil wir alle die Hälfte unserer wachen Zeit mit Tagträumen verbringen. Die Fantasie macht vielmehr innere Simulationen der Zukunft möglich, die verschiedene Handlungsalternativen durchspielen können, ohne dass der Mensch dabei reale Risiken eingehen muss. Dies gibt uns die Fähigkeit, Gefahren vorauszuahnen und nachhaltige Lösungen zu finden – ein großer evolutionärer Vorteil.

Antizipation ist überlebenswichtig und will gelernt sein. Babys können bereits ab drei bis fünf Monaten zielgerichtete Handlungen anderer verstehen und erwarten Kontinuität. Mit der Versuch-Irrtum-Strategie eignen sie sich die Systematiken unserer Welt an und lernen so, die Folgen ihrer Handlungen einzuschätzen. Dies gilt auch für die soziale Intelligenz, die sich ab circa 18 Monaten ausbildet. Die Kinder lernen, ihre Vorstellungskraft dafür anzuwenden, sich in andere Personen hineinzuversetzen, und entwickeln somit ein Verständnis für die zukünftigen emotionalen Zustände der anderen Personen.

Es wird deutlich, Fantasie ist unglaublich wichtig für unser Zusammenleben, da wir nur durch sie emotionale und soziale Intelligenz ausbilden können. Das Zusammenleben und die Interaktion mit anderen ist wiederum essenziell für unsere eigene Identitätsbildung, genauso wie die Fantasien, die wir nicht nur zur Antizipation nutzen. Unsere eigenen privaten Denkmodelle, Szenarien und Ideen helfen uns, das Leben, das wir führen wollen, zu visualisieren.

Ein Buch, das sich mit der existentiellen Bedeutung von Fantasie und Träumen für unsere Identität auseinandersetzt, ist die „Unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Das Besondere an der Geschichte des Jungen Bastian ist, dass nicht nur er das Reich der Träume „Phantásien“ vor dem Untergang rettet, sondern auch das Reich „Phantásien“ ihn vor dem Verlust seiner Lebensfreude bewahrt. Dies zeigt, die Fantasie ist gleichzeitig unseres Baumes Saat und Frucht. Wir erschaffen die Imagination, doch gleichzeitig ist es die Imagination, die uns ausmacht. Ohne Menschen gäbe es keine Fantasie, aber ohne Fantasie gäbe es auch keine Menschen.

Daraus lässt sich schließen: Fantasie bedeutet Mensch-Sein. Doch wenn Fantasie biologisch gesehen bloß das Kombinieren von Wissen ist, ist sie dann eine Fähigkeit, die nur den Menschen vorbehalten ist? Ist der Mensch noch der einzige Koch in der Sterneküche der Imagination? Drängt sich die künstliche Intelligenz zu uns an die Arbeitsplatte? Sie ist uns immerhin, was die Zutaten anbelangt, weit überlegen, denn sie hat direkten Zugang zur größten Wissensspeisekammer unserer Zeit, dem Internet.

Was unterscheidet unsere Art, Gedanken zu fassen und zu visualisieren von dem, was passiert, wenn wir einen Prompt bei ChatGPT eingeben? Was unterscheidet meine Prozesse im Gehirn, während ich hier am Schreibtisch sitze und an meinem Essay tippe, von dem, was in den Servern der KI passiert? Wir beide haben einen Datenspeicher: Ich meine Erinnerungen und die KI die Informationen aus dem Internet. Dann werden die Daten durchforstet und nach Relevanz und Brauchbarkeit sortiert, bevor die notwendigen Informationen zusammengesetzt und verschriftlicht werden. Grundlegend scheinen die beiden Prozesse keine großen Unterschiede aufzuweisen, zumal die künstliche Intelligenz, genau wie wir auch, aus Fehlern lernt und sich dementsprechend anpasst.

Also habe ich die KI selbst gefragt: „Hast du eigentlich Fantasie?“. Die Antwort lautete: „Als KI habe ich keine Fantasie im menschlichen Sinne. […] Ich bin ein Meister darin, Bestehendes neu zu mischen, aber der Funke echter, menschlicher Inspiration bleibt dein Vorzug.“ Nun ergibt sich die Frage: Was ist Inspiration? Und wo hat sie ihren Ursprung?

Das Wort Inspiration kommt vom lateinischen „inspiratio“ und bedeutet „Einhauchen“. Eine Idee wird dem Menschen also „eingehaucht“, sodass etwas Fantasievolles oder Kreatives entsteht. Das ist das Geheimnis? Eine überweltliche Eingebung? Ich glaube vielmehr, dass wir es sind, die es schaffen, in unserem Formungsprozess von etwas Fantasievollem einer Idee Leben einzuhauchen. Die Fantasie ist kein Spiegel oder Zerrspiegel. Sie ist nicht passiv. Die Kunst ist das beste Beispiel dafür: Ein Stück von Bach, ein Gedicht von Schiller oder selbst ein moderner Popsong in den Charts lässt uns etwas fühlen. Sie haben eine transzendente Qualität, die ihre Einzelteile übersteigt. Obwohl Musik technisch gesehen nur aus Noten besteht, die miteinander kombiniert sind, macht es diese Anordnung möglich, ihr Leben „einzuhauchen“.

Darin besteht meiner Meinung nach auch der Unterschied zur künstlichen Intelligenz. Nicht darin, was wir tun, sondern wie wir es tun. Welche Informationen empfinden wir als relevant und wie entscheiden wir, wie wir sie kombinieren? Die KI arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten und rechnet aus, was am besten zusammenpassen könnte. Doch wir Menschen nutzen unsere Intuition, etwas ganz Menschliches, Persönliches. Und diese Subjektivität der Fantasie ist das, was sie einzigartig macht, was uns Menschen einzigartig macht. Wenn ich nun schreibe, man solle sich ein Fantasiewesen, das zur einen Hälfte Nilpferd und zur anderen Hälfte Einhorn ist, vorstellen, dann hat jeder sicherlich ein anderes Bild im Kopf.

Es ist nicht nur die Kreation von Fantasievollem, die sich durch ihre Subjektivität auszeichnet. Auch das Erfahren von fantastischen Schöpfungen ist etwas Persönliches und Originelles. Ein Kunstwerk löst bei unterschiedlichen Betrachtern verschiedene Gefühle, Gedanken und Interpretationen aus, die auch völlig von denen des Künstlers abweichen können. Die Ausdrucksformen und die Vermittlung von Ideen und Gedanken sind ebenso wichtig für die Fantasie des Menschen, wie die Kreativität selbst. Erst dadurch entstehen basierend auf vorherigen Schöpfungen neue Inventionen und das Geäst der menschlichen Erfindungen kann sich immer weiter verzweigen. Nur durch den Ausdruck der Fantasie konnten sich komplexe kulturelle, spirituelle, literarische und künstlerische Systeme ausbilden. Die Samen der Kreativität anderer fallen auf die unterschiedlichen Böden derer, die sich mit ihr beschäftigen, sodass verschiedenste neue Pflanzen sprießen können.

Darin liegt ein weiteres Defizit der künstlichen Intelligenz. Sie ist nicht in der Lage, Fantasien anderer zu erfahren und zu genießen, um die damit verbundene Inspiration zu erlangen. Wenn man ChatGPT ein Bild zeigt oder ein Musikstück vorspielt, wird der Algorithmus wahrscheinlich lediglich auf den Künstler, die Entstehungszeit und gängige Interpretationen aus dem Internet hinweisen, aber nichts mit dem Gemälde oder Lied verbinden, geschweige denn eigene Interpretationen und Gefühle dazu haben. Als würde der Samen auf Asphalt fallen.

Denn das, was in der Fantasie verarbeitet wird – ob ganz privat oder sichtbar für alle, sind nicht nur Daten, sondern Erfahrungen. Auch zwei Menschen, die exakt das gleiche erlebt haben, werden unterschiedliche Fantasien und Gedanken haben, denn sie haben einen unterschiedlichen Erfahrungsschatz. In dem Moment, wo die weißen Lichtstrahlen der Erfahrung durch das Prisma der Persönlichkeit fallen, wird ihnen Farbe gegeben, ihnen wird Leben „eingehaucht“.

Obwohl es die Bausteine des Fantastischen auf dieser Welt bereits gibt, sind wir die Architekten, die sie zu wunderschönen Gebäuden zusammensetzen können, die eine Seele haben. Obwohl es die Zutaten schon gibt, sind wir die Köche, die sie mit viel Liebe zu Gerichten zusammensetzen können und damit mehr schaffen als nur ein neues Rezept.

Schillers Frage könnte also folgendermaßen beantwortet werden: Die Fantasie erschafft nichts aus dem Nichts, doch sie schenkt dem Bekannten neue Bedeutung – und damit Leben. Sie entsteht durch die Einzigartigkeit des Menschen, durch seine Subjektivität, durch seine Persönlichkeit. Die Fantasie ist niemals Echo, sie ist Antwort.

Bild: Jörg Trelenberg


letzte Änderung: 23.10.2026